Wer war Dr. Ernst Bodien?


Bem.: Dieser vorläufige Text über Ernst Bodien wurde im Rahmen der Untersuchungen zur Biographie meines Vaters, des Architekten Hans Waloschek verfasst. Einen großen Teil der dafür benutzten Information verdanke ich der Stieftochter von Ernst Bodien, Frau Charlotte Richter-Jericho (Stuttgart). Die Daten über Willi Ludewig (und seine Autobiographie) habe ich von seinem Sohn, dem Architekten Andrés Ludewig (Buenos Aires) erhalten. Weitere Angaben, auch über den Architekten Richard Linneke, stammen aus unserem Familienarchiv.
Pedro Waloschek, Hamburg, im April 2002

Ernst Bodien wurde am 17. November 1899, als ältester von 8 Geschwistern in Mühlhausen/Elsaß geboren. Er hat in Frankfurt/Main (und vielleicht auch in Straßburg) Staatswissenschaften studiert, wo er 1921 mit einer Arbeit zum Thema „Siegfried Budge’s Theorie vom Kapitalprofit“ beim berühmten Professor für Soziologie und Nationalökonomie Franz Oppenheimer promoviert hat. Franz Oppenheimer wird als Vorreiter der sozialen Marktwirtschaft betrachtet. Sein prominentester Schüler, Doktorand und Bewunderer war Ludwig Erhard.

Über die nächsten Jahre im Leben von Ernst Bodien gibt der Berliner Architekt Willi Ludewig in seiner Autobiographie einige kurze Hinweise. Ludewig hat Bodien im September 1922 bei Wanderungen in Düsseldorf kennengelernt, zusammen mit Bodiens späteren Frau (Wilhelmine , geb. Bosse). Laut Ludewig war Bodien damals Gewerkschaftssekretär in Düsseldorf. Er folgte bald danach dem Ruf seines Studienkollegen Dr. Wilm Necker (den Willi Ludewig von früher kannte) nach Weimar, bei dem er einen Direktorenposten bei der Thüringischen Staatsbank bekam. Dort hat Willi Ludewig die beiden Freunde nochmals getroffen. Als Willi Ludewig sich im November 1923 in Berlin niederließ, kam sein Wanderfreund Ernst Bodien auch dort an. Wie Ludewig erwähnt, war Bodien aus Weimar weggezogen, hatte in Saarbrücken erfolglos versucht eine Sportzeitschrift herauszugeben und landete nun arbeitslos in Berlin.

Bei seinen Bemühungen um neue Aufträge hatte sich Ludewig an den Architekten Richard Linneke gewandt, der damals Assistent des wohlbekannten Städteplaners und Architekten Dr. Ing. Martin Wagner (1885-1957) war. Wagner wurde 1926 Stadtbaurat von ganz Berlin und als er sein Amt antrat, wurde Richard Linneke sein Nachfolger als Direktor der von ihm gegründeten gewerkschaftseigenen Organisation DEWOG (,‚Deutsche Wohnungsfürsorge A.-G. für Beamte, Angestellte und Arbeiter“). Schon vorher hatte Linneke die Leitung der Organisation „Brandenburgische Heimstätten“ übernommen. Ludewig war Linnekes Vertrauensarchitekt, besonders für Bauten in Brandenburg. Mein Vater Hans Waloschek kam 1926 über Empfehlung des Bundes der Technischen Angestellten in Wien, auch zum Architekten Richard Linneke, der ihn an Willi Ludewig als Mitarbeiter empfahl.

Auch Ludewigs Wanderfreund Dr. Ernst Bodien wurde damals in das System der DEWOG-Gesellschaften aufgenommen, und zwar in eine der gesetzlich vorgeschriebenen sog. „Revisionsgesellschaften“, die die Tätigkeiten der gemeinnützigen Baugesellschaften zu überwachen hatten. Bodien war dabei bekannt wegen seiner Seriosität und Genauigkeit und seine Besuche waren sogar gefürchtet, wie Hans Waloschek später in einem Brief erwähnt.

In den Jahren 1926 bis 1933 entstand aus der Zusammenarbeit zwischen Willi Ludewig, Richard Linneke, Ernst Bodien und Hans Waloschek eine enge Freundschaft, in die auch ihre gerade gegründeten Familien einbezogen wurden und die bis an ihr Lebensende dauern sollte. Es verband sie ihre politische Einstellung aber vor allem ihr Ideal bezüglich eines wirtschaftlichen und gemeinnützigen (also nicht auf Profit ausgerichteten) Bauens, das auch breiteren Bevölkerungsschichten einen höheren Wohnungsstandard erlauben sollte. Ernst Bodien hatte seine Wanderfreundin Bosse geheiratet und 1929 ist deren Tochter Hanna geboren.

Zu den wenigen erhaltenen Dokumenten gehört ein Prospekt zur Einweihung des Friedrich-Ebert-Hofes in Cottbus, am 8. und 9. Dezember 1928. Dort wird Linneke als Direktor der „DEWOG“ erwähnt, aber auch eine „DEWOG-Bewegung“ und eine „DEWOG Revisionsvereinigung / Bezirk Berlin“. Unter den Sprechern steht Architekt Ludewig und Dr. Bodien, letzterer als „Verbandssekretär“, anscheinend des „Revisionsverbandes gemeinnütziger Baugenossenschaften e.V.“, der im Briefkopf erwähnt wird.

Als gegen Ende 1932 die DEWOG-Gruppe ihre Bautätigkeit aus politischen Gründen aufgegeben hat, war schon eine eindrucksvolle Zahl moderner und rationell errichteter Bauten entstanden. Neben Gebäuden verschiedener Art, wie z.B. Volkshäusern, hatte Willi Ludewig insgesamt über 5000 Wohneinheiten in Berlin und Brandenburg gebaut und Hans Waloschek etwa 1400 in Sachsen und Anhalt. Bei diesen und vielen weiteren Bauten der gemeinnützigen Gesellschaften war Ernst Bodien als „Revisor“ tätig.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten (1933) wurden alle an diesen Programmen beteiligte Organisationen enteignet. Die leitenden Angestellten wurden entlassen, wenn das nicht schon vorher geschehen war. Es hat Jahre gedauert, bis unter neuer Leitung weitergebaut werden konnte, diesmal aber im recht „traditionsgerechtem“ Stil und mit billigerem Standard. Das Prinzip eines eigenen Bades in jeder Wohnung wurde wieder a ufgegeben und Flachdächer wurden als „semitische Architektur“ verboten.

Waloschek musste Ende 1933 nach Wien flüchten um der Verhaftung zu entgehen. Ludewig hat noch bis 1935 durchgehalten. Linneke hat für ihn noch Baubesuche gemacht und war auch als Berater Tätig. Dann ist Ludewig auf abenteuerliche Art mit seiner jüdischen Lebensgefährtin und Sohn über Paris nach Argentinien geflüchtet. Waloschek hat ihnen drei Jahre später (1936) nach Argentinien gefolgt.

Zu dieser Zeit lebten die Bodiens in Steglitz und es gab einen etwas verschleiert formulierten Briefaustauch mit den Waloscheks, in dem eine gewisse Krise (auch in der Ehe?) angedeutet wird.

Über Ernst Bodiens weiteres Schicksal wird in einem Nachruf berichtet, der vom „Verband Berliner Wohnungsbaugenossenschaften und -gesellschaften“ nach seinem Tode verfasst wurde (s. Faksimile).

„In den Jahren von 1933 bis 1945 wurde Dr. Ernst Bodien als Gegner des Nationalsozialismus wiederholt gewaltsam aus seinen Ämtern entfernt. Als Wirtschaftstreuhänder war er während dieser Zeit weiterhin in freier Mitarbeit im gemeinnützigen Wohnungswesen tätig. Von 1938 bis 1945 war er aktives Mitglied einer gewerkschaftlichen Widerstandsgruppe in Schlesien.“

Ernst Bodien wohnte schon 1942 in Breslau, wo er sich nach einer langwierigen Prozedur von seiner ersten Frau scheiden ließ und seine Lebensgefährtin Katharina (Katrin, geb. Wille) geheiratet hat. Katherina hat eine Tochter (Charlotte Jericho) in die Ehe gebracht. Im gleichen Jahr ist noch Tochter Barbara geboren und 1944 Karla. Außerdem brachte Ernst noch die 1940 geborene und von ihm anerkannte Tochter Elke in die Ehe.

Ernst Bodien war angeblich als Minister vorgesehen, wenn der Putsch gegen Hitler am 20. Juni 1944 erfolgreich gewesen wäre.

Von Breslau ist die Familie Bodien 1945 geflohen. Mutter Katharina und die 4 Kinder wohnten erst in der Nähe von Naumburg/Saale in einem primitiven Winzerhäuschen, während Ernst in Berlin arbeitete. Darüber wird wieder in seinem Nachruf berichtet:

„In gemeinsamen Anstrengungen mit Gleichgesinnten ist es Dr. Ernst Bodien nach 1945 gelungen, den Berliner Verband wieder funktionsfähig zu machen und die geistigen und materiellen Grundlagen für einen Neubeginn der gemeinnützigen Wohnungsunternehmen in Berlin zu schaffen. In ihnen sah er die maßgeblichen Träger des Wiederaufbaues unserer zerstörten Stadt.“

Es war aber eine schwierige Zeit mit vielen Entbehrungen für die Bodiens. Im Jahr 1947 ist die Familie zu Ernst nach Berlin gezogen, um dort gemeinsam „entweder zu überleben oder zu verhungern“. Die Zeit der Berliner Blockade (ab Juni 1948) verbrachten die drei jüngeren Töchter Bodiens bei verschiedenen Verwandten in Westdeutschalnd, während die Eltern und Charlotte in Berlin weiter hungerten. Nach Beendigung der Blockade (im Mai 1949) hatte auch der Hunger ein Ende, die drei Schwestern konnten zurück nach Berlin, wo sich das Leben langsam normalisierte.

Über die weiteren Aktivitäten von Ernst Bodiens informiert wieder sein Nachruf:

„Während seiner langjährigen Tätigkeit als Vorstandsvorsitzender des Gesamtverbandes gemeinnütziger Wohnungsunternehmen in Köln hatte Dr. Ernst Bodien wesentlichen Anteil an wichtigen wohnungspolitischen Entscheidungen und an der wohnungswirtschaftlichen Gesetzgebung.
Die von Dr. Ernst Bodien in zahlreichen Ausschüssen geleistete Arbeit ist bekannt. Insbesondere möchten wir aber an dieser Stelle seine erfolgreichen Bemühungen hervorheben, die deutsche gemeinnützige Wohnungswirtschaft wieder in die internationale Zusammenarbeit einzuschalten. Er hat damit Deutschland im Ausland viele Freunde gewonnen.
Als äußere Zeichen der Anerkennung seiner großen Verdienste wurden Dr. Ernst Bodien anlässlich seines Ausscheidens aus dem aktiven Dienst Ende 1964 das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland und die Victor-Aimé-Huber-Plakette verliehen.“

Ernst Bodien hat mehrere Veröffentlichungen verfasst, in denen es meist um das gemeinnützige Wohnungswesen und seine wirtschaftlichen und gesetzlichen Implikationen geht. Einige Bücher wurden im Hammonia Verlag Hamburg publiziert.

Das private Leben von Ernst Bodien hatte allerdings einige Schattenseiten. Sehr betrübt hat ihn 1959 der Tod seiner 19jährigen Tochter Elke. Im Jahr darauf hatte er dann eine schwere Lungenentzündung und musste als Rekonvaleszent einen längeren Erholungsurlaub einlegen. Er hatte auch Probleme nach einem Herzanfall.

Aus der Korrespondenz der Bodiens mit dem Ehepaar Waloschek (das 1959 durch Bodiens Vermittlung wieder nach Deutschland zurückkam) kann man entnehmen, dass Ernst zu Hause ein zwar liebevoller aber doch eher zurückhaltender und schweigsamer Mensch war. Seine Begeisterung und sein Einsatz galt wohl eher seinem Berufsleben. Als Rentner hat sich Ernst Bodien dann gerne mit seinen alten Freunden getroffen. Er ist am 9. Januar 1968 in Berlin gestorben.

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