Wer war Architekt Willi Ludewig?


Die vorliegende Zusammenstellung von Kommentaren über Willi Ludewigs Leben entstand im Rahmen der Untersuchungen zur Biographie meines Vaters, Architekt Hans Waloschek, der in seinem Leben beruflich und persönlich mit Ludewig oft in Verbindung stand. Die hier benutzte Information stammt zum größten Teil aus Dokumenten, die mir sein Sohn, der Architekt Andrés Ludewig (Buenos Aires) dafür zur Verfügung gestellt hat, aber auch aus meinen Erinnerungen und aus Dokumenten unseres Familienarchivs. Es gibt nämlich wenig Literatur über Willi Ludewig. Außer einem recht interessanten Büchlein über ihn (mit einer ausführlichen Einführung des Kunsthistorikers Paul F. Schmidt) aus dem Jahr 1930, wurde im Februar 2000 eine Magisterarbeit über sein wichtigstes Bauvorhaben (,‚Das Wohlfahrtsforum in Brandenburg“) on Frau Silke Dähmlow am Kunsthistorischen Seminar der Philosophischen Fakultät III der Humboldt Universität Berlin fertiggestellt. Frau Dähmlow arbeitet seit einigen Jahren an einer Dissertation über das Leben und Werk Willi Ludewigs und wird damit einen wertvollen Beitrag zur Aufklärung des Schicksals eines bedeutenden Architekten leisten, der in Deutschland bis jetzt weitgehend vergessen wurde. Frau Dähmlow hat mir freundlicherweise Kopien einiger interessanter Dokumente zukommen lassen.

Pedro Waloschek, im April 2002


Willi Ludewig wurde am 25. Februar 1902 in Berlin geboren. Er stammte aus einer relativ wohlhabenden Kaufmannsfamilie und hatte 9 Geschwister, von denen aber 5 schon vor seiner Geburt verstorben waren. Er war zweieinhalb Jahre jünger als mein Vater Hans Waloschek und hatte eine ähnliche Grundausbildung. Ludewig war gelernter Maurergeselle und hatte schon sehr jung, im Sommer 1920, die Baugewerbeschule in Berlin absolviert. Willi Ludewig war sehr begabt, fleißig, ehrgeizig und selbstbewusst, wie man zum Beispiel aus einem 62 Seiten langen, sehr persönlich gehaltenen Lebenslauf entnehmen kann, den er selbst um 1950 verfasst hat und aus dem ein großer Teil der hier wiedergegebenen Daten stammt. Mehrere kürzere Lebensläufe und Listen der später von ihm oder unter seiner Leitung geplanten und durchgeführten Bauten bestätigen all dies. Schon als Kind zeichnete er bemerkenswerte Entwürfe für große Gebäude. Ich habe ihn in meiner Jugendzeit kennen gelernt und war von ihm und von seinem Auftreten immer sehr beeindruckt.

Willi Ludewig war von September 1920 bis Ende Januar 1922 im Bezirksamt Berlin-Lichtenberg in der Bauleitung eines großen Komplexes beschäftigt und hat schon damals an Wettbewerben teilgenommen. Dann arbeitete er 6 Monate für das Architekturbüro Czajerek und Schnaare in Hamborn am Rhein und ging im September 1922 in das Meisteratelier von Professor Fritz Becker in der Kunstakademie Düsseldorf, wo er sich vor allem künstlerisch betätigte. Bei Wanderungen in Düsseldorf lernte er Dr. Ernst Bodien kennen und auch Bodiens spätere Frau Wilhelmine (Minne), geb. Bosse. Bodien war Volkswirt und hatte bei Franz Oppenheimer in Frankfurt promoviert. Er war damals Gewerkschaftssekretär in Düsseldorf. Er folgte bald danach dem Ruf seines Studienkollegen Dr. Wilm Necker (den Willi Ludewig auch von früher kannte) nach Weimar, bei dem er angeblich einen Direktorenposten bei der Thüringischen Staatsbank bekam. In Weimar traf Willi Ludewig diese Freunde wieder, nach einer Studienreise, die er durch Süd- und Mitteldeutschland unternommen hatte.

Sehr folgenreich war dann ein zweimonatiger Aufenthalt Willi Ludewigs in der schönen Gartenstadt Dresden-Hellerau, wo er sich mit Musik und rhythmischer Gymnastik beschäftigte und auch einer Tanzgruppe beitrat. Der Kassenwart dieser Gruppe hatte eine „Intimfreundin“, die gerade in Berlin bei einem Arzt als Haustochter tätig war. Sie war die Schwester des Sekretärs eines „Bonzen der freien Gewerkschaften“ (wie es Ludewig in seinem recht temperamentvoll verfassten Lebenslauf nannte), der ihm eventuell Zugang zum damals florierenden Siedlungsbau geben könnte.

Im November 1923 kam Willi Ludewig schließlich wieder nach Berlin und hat sich in einem Zimmer bei seinem Bruder ein kleines Atelier eingerichtet. Er übernahm als freier Mitarbeiter Projekte Berliner Architekten. Sein wichtigster Auftraggeber war damals der Architekt Gustav Heide. Willis Wanderfreund Dr. Ernst Bodien war schon aus Weimar weg, hatte in Saarbrücken erfolglos versucht eine Sportzeitschrift herauszugeben und ist nun in Berlin arbeitslos gestrandet. Mitte 1924 brauchte Ludewigs Bruder das Zimmer und Willi wollte seine langjährige Freundin Erna Lange heiraten. Erna war übrigens eine exzellente Fotografin. Willi übersiedelte in das Haus seines Vaters, heiratete, bekam am 9. Juli 1925 seinen ersten Sohn Eckard, und am gleichen Tag seinen ersten Auftrag als selbstständiger Architekt. Es handelte sich um den Bau eines privates Wohnhauses.

Auf der Suche nach neuen Aufträgen hat sich Ludewig über die Freundin des Tanzgruppen-Kassenwarts aus Dresden-Hellerau bei ihrem Bruder, dem „Bonzensekretär“ gemeldet. Der Bruder hieß Richard Linneke (1900-1983), war selbst Architekt und verstand sich vom Anfang an gut mit Ludewig. Er diente damals dem wohlbekannten Städteplaner und Architekten Dr. Ing. Martin Wagner als „Sekretär“ oder genauer, als Assistent.

Martin Wagner (1885-1957) hatte unter anderem schon 1918/19 die Siedlung Lindenhof in Berlin gebaut und war von 1918 bis 1921 als Stadtbaurat von Berlin-Schöneberg tätig. Er hat von 1921 bis 1926 als Direktor die gewaltige gewerkschaftseigene Organisation DEWOG (,‚Deutsche Wohnungsfürsorge A.-G. für Beamte, Angestellte und Arbeiter“) und ihre vielen Niederlassungen und Tochterfirmen aufgebaut, z.B. in Hamburg, Königsberg, Breslau, Frankfurt/Main und München. In der Zeit hat Wagner auch mehrere Wohnsiedlungen bauen lassen, zum Teil mit den berühmten Architekten Bruno Taut, Hugo Häring, Mies van der Rohe, Walter Gropius und Hans Bernard Scharoun, die zu den besten Vertretern der damaligen modernen Architektur zählten. Das Jahresprogramm der DEWOG im Jahr 1929 bestand z.B. aus 8000 gebauten oder betreuten Wohneinheiten.

Wagner war politisch engagiert und außerdem ein guter und couragierter Redner. Er hat sich für die Ideen der Gewerkschaften und der Sozialdemokraten leidenschaftlich aber auch eigenwillig eingesetzt. Von 1926 bis 1933 war Wagner dann Stadtbaurat von ganz Berlin. Schon einige Zeit bevor er diesen Posten antrat hatte er seinen „Sekretär“, den Architekten Richard Linneke zum Direktor der gerade gegründeten GEHAG (,‚Gemeinnützige Heimstädten A.G.“) ernannt, die für Bauten der gewerkschaftsnahen Organisationen in Berlin zuständig war. Parallel dazu hatte Wagner auch die „Märkische Wohnungsbau G.m.b.H.“ gegründet, die ihrerseits die Bauvorhaben in Brandenburg und Umgebung koordinierte und betreute. Ihre Adresse war später: Berlin S.O. 16, Köpenickerstraße 86/87, die gleiche, in der Anfang 1927 Willi Ludewig sein Atelier eingerichtet hat. Die Büros waren im gleichen Stockwerk, hatten aber getrennte Aufgänge, wie Ludewig in seiner Autobiographie ausdrücklich klarstellt.

Als Richard Linneke die Direktion der GEHAG übernehmen sollte, hat er Willi Ludewig die weitere Planung und den Bau einer großen Siedlung in Salzwedel (200 Wohnungen) übertragen, die er bis dahin (Ende 1925) selbst betreute. Die termingerechte Planung und Fertigstellung dieser modernen Siedlung war ein großer und wichtiger Erfolg für Ludewig. Er hat das Vorhaben als „die erste deutsche Siedlung mit zentraler Fernheizung und Warmwasserversorgung“ bezeichnet.

Es wurden damals im Rahmen der DEWOG auch neue „Bauhütten“ gegründet, als Bauträger, oder zur rationelleren Herstellung von Baumaterialien, und es entstanden viele unabhängige Siedlerbewegungen und Genossenschaften, die im allgemeinen von der Sozialdemokratischen Partei und von den freien Gewerkschaften unterstützt oder gefördert wurden. Willi Ludewig erklärt dies etwas genauer:

„Die Finanzierungen erfolgten neben Eigenkapital und Hauszinssteuerdarlehen zum größten Teil aus der Angestelltenversicherung und anderen ähnlichen Pensionskassen, aus Zwischenfinanzierungen der sehr kapitalkräftigen ‚Arbeiter Bank‘, und einigen von jüdischen und zum Teil sozialistisch orientierten Finanzleuten geführten mittleren Privatbanken.“

Die hier genannte „Arbeiter Bank“ (gemeint ist wohl die 1924 gegründete „Bank der Arbeiter, Angestellten und Beamten AG“, aber es gab noch weitere ähnlich orientierte Banken) war das Bankinstitut der freien Gewerkschaften, und hatte laut Ludewig damals ein Vermögen von etwa einer Milliarde Reichsmark. Sie konnte den Beginn der Bauten mit ihren Zwischenkrediten stark beschleunigen.

Mit diesem Rückhalt konnte die DEWOG-Gruppe eine recht aggressive Wohnungsbaupolitik betreiben und ihre diesbezüglich fortschrittlichen Ideen oft durchsetzten, wie Willi Ludewig auch treffend beschrieben hat:

„Die Initiative zu diesen Bauvorhaben ging im allgemeinen allerdings nicht von den ortsansässigen Interessenten, sondern meist von der Berliner Gewerkschaftszentrale aus ... ... Ich selbst hatte an einigen Parteitagen der Sozialdemokratischen Partei und Tagungen der Gewerkschaften über Genossenschaftsbau, modernen Wohnungsbau usw gesprochen und wurde nun in die Provinz zur ‚Produktion von Aufträgen‘ geschickt oder begleitete als der Genosse Architekt die Leiter des ‚Märkischen Wohnungsbau‘ auf ihren Informationsreisen. Das Ergebnis der Volksversammlungen mit Lichtbildervorträgen über ‚Beseitigung der Wohnungsnot‘ – die Diapositive wurden sämtlich von mir vorbereitet – zeigt die Liste der Bauvorhaben ab 1927.

In den Orten, in denen eine gewisse Eigeninitiative der interessierten Kreise schon ortsansässige ‚Kleinstadt‘-Architekten bemüht hatte, wurden diese bei der Übernahme abgefunden. Bei engeren Wettbewerben, veranstaltet von Bau- und Konsum Genossenschaften, Ortskrankenkassen usw, hatte ich selten mit ‚gefährlicher Konkurrenz‘ zu rechnen. Nach diesem ‚Eindringen‘ in die größeren und kleineren Orte der Provinz, Grenzland und schließlich auch Polen und Frankfurt am Main, kamen in einigen fällen noch Privataufträge dazu (Es folgt eine Aufzählung von Bauvorhaben).“

Nach dem Erfolg der Siedlung Salzwedel und der soeben erwähnten Werbetätigkeit erhielt Willi Ludewig eine ganze Reihe weiterer Aufträge, einerseits privat, aber vor allem von der DEWOG-Gruppe. Außer einigen Wohnblocks und Häusern in Berlin waren es meist Siedlungen in Brandenburg und Umgebung. Er bezeichnete sie alle in seinen eindrucksvollen Bautenlisten als „GEWOBA-Siedlungen“, wobei ich annehme, das er unter GEWOBA die „Märkische Wohnungsbau G.m.b.H.“ und andere Tochtergesellschaften der DEWOG meinte, wie die später auch erwähnte „Brandenburgische Heimstätten“.

So hat zum Beispiel (laut Ludewig) die „Märkische Wohnungsbau G.m.b.H.“ bis 1929 Bauten für rund 15 Millionen Reichsmark für Siedlungsbewegungen und Genossenschaften „organisiert und finanztechnisch geleitet“, die zum allergrößten Teil von Ludewig (als selbstständiger Architekt) geplant und ausgeführt wurden.

Wie Paul F. Schmidt in dem Buch über Ludewig berichtet, hatte Ludewig 1930 schon 2300 Wohnungen gebaut und im Anschluss daran noch 5 1/2 Tausend projektiert. Die dann genannte Liste von Ortschaften ist eindrucksvoll. Ich zitiere: „Luckenwalde, Cottbus, Finsterwalde, Frankfurt a. d. 0., Frankfurt a. M., Guben, Forst, Prenzlau, Salzwedel, Wittenberge, Freienwalde, Küstrin, Landsberg sind die größten und bekanntesten Orte: Zum weiteren Bezirk von Berlin rechnen Nowawes, Erkner, Fürstenwalde, Nauen, Velten, Teltow, Straußberg, die anderen mögen sich nicht benachteiligt fühlen, wenn sie aus Mangel an Atem nicht genannt werden. Wer kennt Trebbin, wer Slamen oder Flatow, oder Groß-Räschen, das die interessanteste Siedlung Ludewigs mit über 300 Wohnungen im Flachbau durchführte.“

Eine „Kommisionsliste 30.1.33“ und eine fünfseitige Liste „Entwürfe und Bauten 1921-1935“, die mir Ludewigs Sohn Andrés zur Verfügung gestellt hat, gibt einen zusammenfassenden Überblick. Für eine vollständige Darstellung aller Bauten Ludewigs möchte ich auf die Dissertation von Frau Dähmlow verweisen.

Im Hintergrund dieser Aktivitäten stand immer der von Willi Ludewig als „Diktator des sozialistischen Wohnungsbaues“ bezeichnete – und ihm wohl recht gut gesinnte – Dr. Ing. Martin Wagner. Als Wagner sein Amt als Berliner Stadtrat antrat, wurde Richard Linneke sein Nachfolger als Direktor der ganzen DEWOG. Linneke leitete auch die schon erwähnten „Brandenburgischen Heimstätten“.

Auch Ludewigs Wanderfreund Dr. Ernst Bodien wurde damals in das System der DEWOG-Gesellschaften aufgenommen, und zwar in eine der gesetzlich vorgeschriebenen sog. „Revisionsgesellschaften“, die die Tätigkeiten der gemeinnützigen Baugesellschaften zu überwachen hatten.

Mein Vater Hans Waloschek kam auch in diese Gesellschaft, wie er es selbst später erklärt hat: „Auf der Suche nach einem Wirkungsfeld auf dem Gebiet des Wohnungs- und Siedlungswesens kam ich 1926 über Empfehlung des Bundes der Technischen Angestellten in Wien zu dem damaligen Direktor der gewerkschaftseigenen Deutschen Wohnungsfürsorgegesellschaft für Beamte, Angestellte und Arbeiter „Dewog“ in Berlin, Herrn Architekten Richard Linneke, der mich an den Berliner Architekten Willi E. Ludewig als Mitarbeiter empfahl.“

Es entstand 1927 bis 1933 eine sehr enge persönliche Beziehung und dann lebenslange Freundschaft zwischen Willi Ludewig, Richard Linneke, Ernst Bodien, Hans Waloschek und deren Familienmitgliedern. Aus späterer Korrespondenz konnte ich entnehmen, das auch noch der Bruder von Willi Ludewig (Ernst), Dr. Alfred Gellhorn (und Frau), der Architekt Wils Ebert und ein Herr Künkel (von der GEHAG-Berlin) zu dem Berliner Freundes- oder Bekanntenkreis gehörten. Genannt wurden auch die Herren Otto Brenner und Peter Hinrichs. Sie haben alle die Nazizeit und den Krieg irgendwie überlebt. Von denen, die nicht überlebt haben, konnte ich allerdings keine namentliche Erwähnung finden.

Das Geflecht der vielen Tochtergesellschaften der DEWOG, der sogenannten „Revisionsverbände“ (in denen Ernst Bodien tätig war) und ihrer ähnlich klingenden Namen ist für mich nicht durchschaubar. In einem Prospekt zur Einweihung des Friedrich-Ebert-Hofes in Cottbus, am 8. und 9. Dezember 1928 wird Linneke als Direktor der „DEWOG“ erwähnt, aber auch eine „DEWOG-Bewegung“ und eine „DEWOG Revisionsvereinigung / Bezirk Berlin“. Unter den Sprechern steht Architekt Ludewig und Dr. Bodien, letzterer als „Verbandssekretär“, anscheinend des „Revisionsverbandes gemeinnütziger Baugenossenschaften e.V.“, der im Briefkopf erwähnt wird.

Der größte und wichtigste Auftrag für Willi Ludewig kam erst 1929. Es war ein Teil des Komplexes der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK) Brandenburg an der Havel und das angegliederte „Wohlfahrtsforum“, mit insgesamt etwa 4000 Quadratmeter Nutzfläche.

Was sachlichen Stil, Rationalisierung und zeitgemäßen Wohnungsstandard betrifft, hatte Ludewig wohl ähnliche Ansichten wie Hans Waloschek und die anderen ihnen nahestehenden Architekten und Siedlungsbauer in Berlin. In diesen Kreisen wurde viel über Wohnungsbau und ihrer Einrichtungen diskutiert, wohl im Rahmen der in der Architektur heute als „Neue Sachlichkeit“ oder als „Moderne“ bezeichneten Bewegung. Die Rationalisierung des Wohnungsbaues, die gemeinnützige (also nicht auf Profit ausgerichtete) Verwaltung und die Verbesserung der Lebensqualität der Bewohner standen ebenfalls im Mittelpunkt ihrer Betrachtungen.

Mit Architekten und Künstlern des berühmten „Bauhauses“ (die von Walter Gropius 1919 gegründete „Hochschule für Gestaltung“), die 1925 nach Dessau übersiedelt war, hatte Ludewig und mein Vater Hans wohl einige Kontakte. Belege darüber gibt es allerdings keine. Erzählt hat mir mein Vater von Vorträgen, die er im Bauhaus gehört hat, und vom „Deutschen Werkbund“ (DWB), zu dem die Leute vom Bauhaus gute Beziehungen hatten. Der DWB (1907 gegründet) ist eine Vereinigung von Architekten, Künstlern, Handwerkern und Industriellen, die die Herstellung hochwertiger handwerklicher und industrieller Produkte fördert.

Ludewig hatte sich 1927 ein neues Atelier in der oben schon genannten Adresse Berlin S.O. 16, Köpenickerstraße 86/87, mit 5 Angestellten eingerichtet, zu denen ein Jahr lang auch mein Vater Hans Waloschek zählte. Ludewig hat ihm ein sehr gutes Zeugnis ausgestellt. Er wurde dann von der DEWOG übernommen und hat in Dresden, zusammen mit dem Kommunalpolitiker Richard Rösch, eine Tochtergesellschaft mit dem Namen GEWOG gegründet, deren technischer Leiter er auch war.

Ende 1932 haben die zur DEWOG gehörenden Gesellschaften ihre Bautätigkeit aus politischen Gründen weitgehend eingestellt. Sie wurden dann 1933 von der nationalsozialistischen Regierung enteignet und der Arbeitsfront unterstellt. Alle leitenden Angestellten wurden entlassen, wenn das nicht schon vorher geschehen war. So mussten Ludewig, Linneke und Waloschek als freischaffende Architekten ihr Glück versuchen. Bodien war noch eine Zeit als Berater im gemeinnützigen Wohnungsbau tätig. Waloschek musste, nach mehreren Verhören durch die SA, Ende 1933 aus Dresden nach Wien flüchten, um der Verhaftung zu entgehen.

Willi Ludewig hatte sich schon 1930 von seiner Frau Erna Lange im Einverständnis getrennt. Anfang Oktober 1933 hat er dann ein recht großes, von ihm selbst in Berlin-Lankewitz gebautes Haus bezogen, mit seiner damaligen Lebensgefährtin Helena Bider (Lusja genannt), die dank ihrer sehr guten Handelsschulkenntnisse schon seit 1931 auch seine Sekretärin war. Sohn Kristof ist im neuen Haus geboren und die noch gültige Ehe mit Erna wurde geschieden. Willis achtjähriger Sohn Eckard aus erster Ehe und Willis Vater sind dann auch zu ihm gezogen.

Lusja war jüdischer Abstammung und hatte die polnische Staatsbürgerschaft. Ihr Vater war leitender Angestellter der „American Joint Reconstruction Foundation“ in Warschau, eine 1924 gegründete Organisation, die osteuropäischen Juden (vor allem aus Polen und Rumänien) beim wirtschaftlichen Wiederaufbau half.

Beruflich ergab sich damals jedoch für Willi Ludewig sehr bald die „völlige Hoffnungslosigkeit“, wie er es nannte. Selbst die Honorare schon fertig geplanter Siedlungen wurden nicht mehr bezahlt. Ludewigs Freund Richard Linneke arbeitete in seinem Büro (das nun in der Wilhelmstraße 1 lag) und übernahm auch die Bauleitung einiger seiner Privataufträge. Es handelte sich aber nur mehr um bescheidene Eigenheime in der Umgebung von Berlin. Willi Ludewig berichtet aus dieser Zeit:

„Einige meiner jüdischen Klienten verschwanden, darunter ein Arzt, den man in Gegenwart seiner Familie in unmenschlicher Weise umbrachte, andere, auch Nichtjuden, erlebten private Racheakte und zwei Bauherren mit noch nicht fertigen Eigenheimen wurden wahnsinnig. Das Gesamtpanorama machte jeden Optimismus unmöglich.“

Ludewig war damals noch aktives Mitglied des Bundes Deutscher Architekten (BDA), der in die „Reichskulturkammer“ übernommen wurde. Den Vorsitz hatte Arch. Lörcher, ein ihm gut gesinnter SA-Mann, der ihm nahegelegt hat, „rechtzeitig einzuschwenken“, da ihn sonst der „Berufstod“ erwartete.

Die Situation spitzte sich bis 1935 zu, und schließlich übernahm Ludewig neben seinen wenig produktiven Privataufträgen (die er immer mehr Linneke übergab), im Auftrag des Luftfahrtministeriums die Funktion des Chefarchitekten für die Anlagen des neuen „Militärflugplatzes Oschatz“, zwischen Riesa und Leipzig. Mit einem Kollegen als Bauleiter hatten sie 30 Angestellte unter sich. Die beiden bekamen je ein neues Auto mit Chauffeur in SS-Uniform. Es war ein vollständig nach militärischen Regeln geführter Betrieb. Es gab nächtliche „Schnellgerichte“ mit sofortiger Exekution, wenn jemand zum Beispiel verdächtigt wurde, Daten des Vorhabens verraten zu haben. Ludewig wörtlich:

„Zu meinen Oschatzer Erfahrungen gehörte, dass bei der Erschießung eines Spionageehepaares, denunziert von ihren Bekannten in Prag, der eigene Sohn zwischen der feuernden Gruppe stand.“

Von Ludewigs Familie, die sehr zurückhaltend in Berlin lebte, wusste man natürlich in Oschatz kaum etwas. Und am 15 September 1935 wurden die berühmten „Nürnberger Rassengesetze“ verkündet. Wenige Tage danach erhielt Lusja eine Vorladung der Gestapo. Sie hatte nicht die Absicht sich dort einzufinden, traf sich noch kurz mit Willi, und ist noch in der folgenden Nacht mit ihrem Sohn Kristof zu ihrem Vater nach Warschau gefahren. Ein guter Freund machte Willi in Oschwatz mit einem raffiniert verschlüsselten Telefonat darauf aufmerksam, dass auch er eine Vorladung der Gestapo in Berlin erhalten hatte.

Auf abenteuerliche Art verließ nun Willi fluchtartig den Militärflugplatz, wofür er sogar noch die Dienste seines SS-Chauffeurs anordnete und benutzte. Es gelang ihm per Zug am 29. September 1935 unbemerkt Zürich zu erreichen. Von dem Moment an galt er natürlich als „Deserteur“ und lebte entsprechend in panischer Angst. Er befürchtete entdeckt und vielleicht sogar entführt zu werden. Er wusste von solchen Fällen. Aus Zürich schickte er eine Ansichtskarte an Lusja nach Warschau. Telefonieren war selbst aus Züricher Postämtern zu gefährlich, weil sie von deutschen Agenten beobachtet wurden.

Lusja hatte schon 1934 in Zürich ihre zum Teil in Argentinien lebenden Verwandten kennen gelernt und es wurde dort auch über die Möglichkeit einer späteren Auswanderung gesprochen. Willi wurde von den in Zürich lebenden Verwandten Lusjas herzlichst empfangen und aufgenommen.

Dann beschlossen Willi und Lusja sich möglichst bald in Paris zu treffen, um von dort die Einreise nach Argentinien zu versuchen. Mit Verwandten und Bekannten in Deutschland hatte Willi vorsichtshalber kaum Kontakt, aber er ließ sie in dem Glauben, dass er nach Südafrika ausgewndert sei. Hans Waloschek in Wien war aber über alles informiert.

Lusjas Vater hatte inzwischen durch seine American Joint Organisation in Paris die nötigen Vorbereitungen getroffen. Willi bekam aber kein Visum nach Frankreich – er hätte sich damals dafür vom französischen Konsul in Berlin bestätigen lassen müssen, dass er kein Flüchtling war. Auf dem Umweg über die Weltausstellung in Brüssel gelang es ihm dann doch, in Paris (illegal) auszusteigen. Auch hier waren ihm Verwandte und Freunde von Lusja sehr behilflich.

Lusja und Sohn kamen schließlich mit ihrer Schwester (und Kind) in Paris an. Sie hatten den Umweg über Wien gewählt, um kein deutsches Gebiet zu durchqueren. Am 19. November 1935 haben sich alle in Le Havre auf dem Dampfer „Lipari“ der „Chargeur Reunis“ in der Touristenklasse eingeschifft.

Am 19. Dezember 1935 kamen sie in Buenos Aires an und wurden von den recht wohlhabenden Verwandten Lusjas herzlichst aufgenommen. Darunter war vor allem der Ingenieur Zacharias Nürnberg, damals Direktor des größten Elektrizitätswerks der Stadt Buenos Aires (CADE). Er war eine Art Patriarch des Clans, den alle respektvoll „Onkel Zacharias“ nannten. Die Mitglieder des Clans kamen ursprünglich aus Russland, sprachen Deutsch und hatten in Österreich, Deutschland und in der Schweiz studiert. Onkel Zacharias hatte ein Haus in der Stadt Buenos Aires und eine 3 Hektar große „Quinta“ mit einem schlossartigen Haus, gepflegtem Park und Schwimmbecken im Vorort Muñiz.

Die relativ jungen Neuankömmlinge wurden überall hin eingeladen und waren immer gern gesehene Gäste, selbst als Dauergäste auf der Quinta. Da keiner der Nürnberg-Familie Nachkommen hatte, galten sie auch als so etwas wie die zukünftigen Erben.

Hans Waloschek, der in Wien praktisch arbeitslos war, hat im Oktober 1936 Willi Ludewig nach Argentinien gefolgt. Er (und auch seine Familie, die ihm im Mai 1937 nachkam) wurde von der Familiengemeinschaft auch sehr freundschaftlich aufgenommen, nach dem russischen Sprichwort: „Die Freunde meiner Freunde sind meine Freunde.“ Vom Onkel Zacharias erzählte Hans, dass er zwar grammatikalisch perfekt Deutsch sprach, aber mit stark östlichem Akzent. Einer seiner Lieblingssprüche war:

„Das Lebben is scheen, / das Lebben is teier / Mann kann’s auch billiger habm, / dann ist’s nicht so scheen.“

Willi Ludewig war aufgrund seiner letzten Erfahrungen in Deutschland sehr misstrauisch geworden. Er kapselte sich (nach eigenen Aussagen) ab, besonders von anderen Einwanderern und von den vielen Sympathisanten des Dritten Reichs in Argentinien. Er vermutete überall Spione der Nazis. Und Hans war nun einer der wenigen, denen er trauen konnte.

Was die berufliche Tätigkeit als Architekten in Argentinien betrifft, hatten Ludewig und Waloschek neben dem Erlernen der Sprache und der Bauvorschriften, ein gravierendes Problem: Ohne argentinischem Diplom durften sie ihre Projekte und Pläne nicht unterzeichnen und auch nicht bei Behörden einreichen. Sie waren darauf angewiesen, für zugelassene Architekten oder Baumeister zu arbeiten, die natürlich von den Behörden als Urheber der Projekte betrachtet wurden. Deshalb ist es heute auch schwer, ihnen die Bauten, die sie geplant oder betreut haben, beweiskräftig zuzuordnen.

Im Nachlass von Ludewig findet man natürlich Pläne, Fotos und Listen von Bauten und Projekten. Dabei hat er immer seine außerordentliche Fantasie und Kreativität bewiesen, wie z.B. bei den Plänen zu einer 50 Kilometer langen Brücke über den Rio de la Plata. Ludewig war auf allen Gebieten der Architektur tätig und hat sich auch mit der Innenausstattung der Gebäude beschäftigt.

Frau Dähmlow versucht für ihre Dissertation die vorhandenen Angaben und Hinweise mit Hilfe des Sohnes von Willi Ludewig (Architekt Andrés Ludewig) in Argentinien zu identifizieren und zu bestätigen. Es ist zu hoffen, dass dann ein möglichst vollständiger Überblick Ludewigs dortiger Tätigkeit zur Verfügung stehen wird.

Willi Ludewig wurde zwei Wochen nach seiner Ankunft in Buenos Aires „Mitarbeiter auf Angestelltenbasis“ vom dort sehr bekannten Ing. Antonio U. Vilar. Dieses Verhältnis dauerte mehrere Jahre und die Bezahlung entsprach etwa der Hälfte von dem was ein angestellter Architekt in Deutschland verdiente. Ende 1937 musste er dann für das gleiche Gehalt nur noch fünf halbe Tage pro Woche arbeiten. In der restlichen Zeit ist er weiteren Tätigkeiten nachgegangen. Er hat u.a. an engeren Wettbewerben teilgenommen, konnte aber keine Bauleitung übernehmen.

„Die Ergebnisse aber waren sehr bescheiden“, wie es Ludewig ausdrückte. Ab 1938 arbeitete er mit dem Architekten Rodriguez Echeto zusammen, als stiller Sozius. Er hatte dabei auch einige Erfolge, konnte sich eine größere Wohnung mieten und ein Auto leisten. Gelegentlich gab er auch Aufträge an Waloschek weiter.

Im Jahr 1944 nahm sich Ludewig den argentinischen Architekten Nicolas Babini als „unterzeichnenden Mitarbeiter“. Dabei hatte Babini aber einige unangenehme Auseinandersetzungen, weil er die Projekte eines „Kriminellen“ (also nicht zugelassenen Architekten) unterzeichnete.

Erst Mitte 1949 wurde Ludewig Mitglied einer Architektenvereinigung und durfte dann bestimmte Projekte selbst unterzeichenen, allerdings nicht in allen Provinzen Argentiniens. Er wurde auch nicht in die offizielle Vereinigung der akademischen Architekten aufgenommen. Mit vielen Problemen, aber relativ erfolgreich hat Ludewig dann durch private Aufträge die nächsten Jahre überlebt, was allerdings auch seine Gesundheit stark mitgenommen hat. Über die Zeit nach 1959 berichtet er in einem recht intensiven Briefwechsel mit den Waloscheks, die damals nach Deutschland zurückgekehrt sind und dann auch eine Zeit in Perú lebten.

Seinen Sohn aus erster Ehe (Eckard) hatte Ludewig 1948 nach Argentinien kommen lassen. Mit seiner Frau Lusja hatte er 1936 einen zweiten Sohn (Andrés) und dann 1947 eine Tochter (Victoria). Willi Ludewig hat nach meinem Wissen nach 1935 nie wieder Deutschland besucht. Er ist am 5. Februar 1963 in Buenos Aires gestorben.